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Pressestimmen
Berliner Morgenpost
9. September 2001
Immer mit einem Ohr im Kiez -
Buchhändlerin schreibt auf, was sie hört und sieht
von Tanja Laninger

Susanne Twardawa
veröffentlichte Broschüren
über den Viktoria-Luise-,
Nollendorf- und Winterfeldtplatz.
Foto: Laninger
Schöneberg - Ist Ihnen kürzlich jemand im Tiergarten gefolgt?
Belauscht Sie öfter jemand im Café? Begrüßt Ihre Buchhändlerin Sie
mit den Worten «Wie halten Sie es mit Rousseau?»? Dann haben Sie es
mit Susanne Twardawa zu tun. Und können sich geehrt fühlen. Denn die
49-Jährige kümmert sich nur um das, was sie interessant findet. Das
fixiert sie schriftlich und nennt es «Kiezliteratur».
Drei Broschüren hat sie seit 1999 veröffentlicht: vom
Viktoria-Luise-Platz über den Nollendorfplatz bis zum Winterfeldtplatz.
Die Auflagen betragen mehrere Hundert Exemplare. «Ich schreibe nicht fürs
Geschäft, sondern für mich und zwar über das, was ich in Büchern
nicht finde.» Während sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr klemmt,
streicht ihr Blick über Regale, in denen Hunderte Romane, Sachbücher
und Bildbände stehen. Seit 18 Jahren betreibt sie mit ihrem Partner
Wilfried Hepperle an der Motzstraße 32 die Buchhandlung «motzbuch».
Dort entwischt sie mindestens zweimal täglich zu Spaziergängen oder in
Cafés - und lässt sich begeistern. Von Menschen an Nachbartischen, die
sich Skurriles zuraunen. Oder von einer Stele auf der Rousseau-Insel im
Tiergarten. «Von Ferne erkennt man wenig, ich musste erst mal
recherchieren.» Dabei stieß sie auf den Bildhauer Günter Anlauf, der
in den 60-er Jahren in Kreuzberg die Galerie «zinke» mitbegründete.
Details sind nachzulesen in Twardawas neuem Taschenbuch «Der Tiergarten
in Berlin», das sie Mitte Dezember in der motzbuch-edition herausgibt.
Die eher historische Beschreibung des «Vicky» ist zum 100. Jahrestag
der Stadtplatz-Eröffnung im Sommer sogar als gebundenes Buch
erschienen, im Verlag Schelzky & Jeep. «Wir kennen uns von der Uni»,
sagt die Autorin - als hätten nicht die liebenswerten Anekdoten die
Verlagsleitung überzeugt, Geld auszugeben.
Angefangen hat alles noch früher. Die gebürtige Nürnbergerin stammt
aus einer «Intellektuellen- und Lebenskünstler-Familie». Der Vater,
Erfinder, Hochfrequenzelektriker und Diplomkaufmann zugleich, machte das
Schreiben zur vornehmsten Aufgabe seiner Kinder: «Er überreichte uns
zu Weihnachten ein Buch, an dem wir alle mitschreiben mussten.» Im
Urlaub galt es täglich zu notieren, was man gesehen und - noch
wichtiger - was einen beeindruckt hatte.
«Als ich in den 70er-Jahren an der Freien Universität Karl Marx
studierte, kaufte sich mein Vater ,Das Kapital´, um mit mir darüber zu
reden.» Seine Diskussionskultur pflegt Twardawa weiter, sei es mit
Partner, Tochter oder Kunden - vom Uni-Professor bis zur Nachbarin.
Auch wissenschaftliches Arbeiten und das polit-alternative Leben prägte.
Als Studentin lebt sie in einer Wohngemeinschaft an der Nollendorfstraße.
Freunde bekommen Berufsverbot oder besetzen Häuser. Sie selbst gründet
Anfang der 80er-Jahre einen Verein für altersgerechte Wohnformen,
befragt Menschen in Pflegeheimen. Die Ergebnisse fließen in ihre
Doktorarbeit ein. Der «oral history», dem Aufschreiben erzählter
Geschichte(n), ist Twardawa bis heute treu. Nur die Texte änderten
sich, wurden «einfacher»: «Erst wenn Kinder sie spannend finden, weiß
ich: Das ist gelungen.»
© Berliner Morgenpost 2001
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